Rückblick 2010

Fachtagung

Psychiatrische Versorgung und neues Entgeltsystem: Interessen - Erfahrung - Perspektiven

18. und 19. Februar 2010

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Fachtagung 2010

Das Entgeltsystem in der Psychiatrie und die damit verknüpften möglichen Veränderungen für die psychiatrische Versorgung von Patienten war das Thema dieses Kongresses.

Uns Veranstaltern ging es um drei Dinge:

Es ging um Dialog und Diskurs. Hinsichtlich der Ausgestaltung des Entgelsystems gibt es bei den beteiligten Akteuren und Anspruchsgruppen durchaus kontroverse Meinungen. Uns ging es darum auf dem Kongress in einer konstruktiven Diskussion darüber einen Dialog und Diskurs zu führen.

Es gilt bei der Ausgestaltung des Entgeltsystems in der Psychiatrie auch die unterschiedlichen Perspektiven von Politik, Kostenträgern, Leistungsanbietern, Management, Kooperationspartnern und Arbeitnehmern zu berücksichtigen. Durch diesen Kongress haben wir dazu beigetragen, diese unterschiedlichen Perspektiven darzulegen und zu diskutieren, um den Verantwortlichen für die Ausgestaltung des Entgeltsystems entsprechende Anregungen zu geben.

Wir danken allen Beteiligten und den Teilnehmern für die erfolgreiche Tagung.

Prof. Dr. med. Kruckenberg, Simone Schweizer, Peter Brückner-Bozetti, Niko Stumpfögger, Paul Bomke, Enriqueta Fobbe, Wolfgang Rieger, Michael Krömker

Tagungsbeiträge 2010

Alle Urheberrechte der nachfolgenden Beiträge liegen bei den jeweiligen Autoren. Das Bereitstellen, Vervielfältigen und Kopieren ist nur mit schriftlicher Genehemigung des Autors gestattet.

Tagungsbeiträge 1.Tag: 18. Februar 2010

Begrüßung durch den Veranstalter

Peter Brückner-Bozetti

1. Vorsitzender des Vereins Forum für Gesundheitswirtschaft e.V., Bremen

Psychiatrische Behandlungsstrategien - Auswirkungen auf das neue Entgeltsystem und auf die Beschäftigten

Andreas Wörner

Gesamtpersonalratsvorsitzender Landeskrankenhaus Andernach AöR

Maria Heuvelmann

Leiterin Rhein-Mosel-Akademie Landeskrankenhaus Andernach AöR

Personalbemessung - die Bedeutung der Psych-PV für das neue Entgeltsystem

Prof. Dr. Heinrich Kunze

Stellv. Vorsitzender Aktion Psychisch Kranke e.V., Bonn

Evaluation und Qualitätssicherung im Prozess der Weiterentwicklung des Entgeltsystems

Prof. Dr. med. Peter Kruckenberg

Ärztlicher Direktor Klinikum Bremen-Ost a.D., Bremen

Entgeltsysteme und sektorübergreifende Versorgung von Patienten – wo stehen wir im internationalen Vergleich?

Prof. Dr. med. Becker

Ärztlicher Direktor Klinik für Psychiatrie u. Psychotherapie Universität Ulm

Entgeltsysteme und sektorübergreifende Versorgung – quo vadis?

Dr. med. Dieter Grupp MBA

Geschäftsleitung ZfP Südwürttemberg, Bad Schussenried

Internationale Trends bei der Entwicklung von Entgeltsystemen in der Psychiatrie

Prof. Dr. Julio Arboleda-Florez

Queen´s University, Canada

Tagungsbeiträge Fachforen

Forum A

Strategisches Personalmanagement: Qualifikationen, Kompetenzen und Arbeitsklima

Beiträge Forum A

Demographische Entwicklung in der Personalstruktur und Antworten des Personalmanagements

Dr. Hermann Schäfer

TBS Rheinland-Pfalz, Mainz

Birgit Fuchs

Leiterin Betreuen-Fördern-Wohnen, Klingenmünster

Neue Behandlungsstrategien: müssen sich Qualifikationsprofile verändern?

Michael Krömker

Betriebsratsvorsitzender Ameos Klinikum Osnabrück

Enriqueta Fobbe

Fachgruppenleiterin Psychiatrische Einrichtungen ver.di Bundesverwaltung, Berlin

Berufsübergreifende Zusammenarbeit in der Psychiatrie – Kooperation und Verantwortung im multiprofessionellen Team und die Unterstützung durch das Personalmanagement

Monika Stich

Leiterin Aus-, Fort- u. Weiterbildung, LWL Klinik, Warstein

Entlohnungssystem – tarifpolitische Herausforderung und sich verändernder Arbeitsmarkt – Konsequenzen für das Entgeltsystem

Gabriele Gröschl-Bahr

Bereichsleiterin Tarifpolitik, ver.di Bundesverwaltung

Forum B

Personalbemessung und Psych-PV: Die Bedeutung für das neue Entgeltsystem

Beiträge Forum B

Arbeitswissenschaftliche Methoden in der Psychiatrie – Multimoment-Studie zur Psych-PV

Dr. Markus Hoffmann

Projektleiter, Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg, Ravensburg

Gewerkschaftliche Anforderungen an eine Personalbemessung in der Psychiatrie

Niko Stumpfögger

Bereichsleiter ver.di Bundesverwaltung, Berlin

Weiterentwicklung eines Psych-PV basierten Entgeltsystems –  Home Treatment und aufsuchende ambulante Behandlung

Prof. Dr. Thomas Bock

Universitätsklinikum Eppendorf, Hamburg

Weiterentwicklung der Psych-PV – am Beispiel Psychosomatik

Dr. Lothar Neitzel

Clemens-August-Klinik, Neuenkirchen-Vörden

Forum C

Evaluation und Qualitätssicherung im Prozess der Weiterentwicklung des Entgeltsystems

Beiträge Forum C

Regionale Dokumentation des Leistungsgeschehens

Dr. Stefan Weinmann

Charité, Berlin

Zertifiziertes Qualitätsmanagement und Entgeltsystem in der Psychiatrie

Wolfgang Münster

Geschäftsführer Münster & Partner, Diespeck

Quality-improvement and controlling the outcomes in the child- and adolescent mental health system – existing models and new paradigms to cope with limited resources in the Alberta health region (Calgary zone)

Dr. David Cawthorpe

University of Calgary, Canada

Forum D

Entgeltsysteme und sektorübergreifende Versorgung von Patienten – wo stehen wir?

Beiträge Forum D

Sektorübergreifende Versorgung – Bestandsaufnahme aus Sicht der Kassen

Ludger Buitmann

Referatsleiter vdek, Schleswig-Holstein

Sektorübergreifende Versorgung – wo stehen wir? Eine Bewertung aus Sicht des Staates

Michael Köpke

Psychiatriereferent, Mecklenburg-Vorpommern

Sektorübergreifende Versorgung aus der Sicht eines komplementären Anbieters

Hubert Kirchner

Geschäftsführer Arkade e.V., Ravensburg

Forum E

Entgeltsysteme und sektorübergreifende Versorgung – quo vadis?

Beiträge Forum E

Die Entwicklung der sektorübergreifenden Versorgung und die Auswirkungen auf das Entgeltsystem aus der Sicht der Bundesagentur für Arbeit

Thekla Schlör

Team Berufliche Rehabilitation, Bundesagentur für Arbeit, Nürnberg

Die Psychosomatik – Entwicklungslinien der sektorübergreifenden Versorgung und die Konsequenzen für das Entgeltsystem

Dr. Gerhard Hildenbrand

Vorsitzender Chefarzt Klinikum Lüdenscheid

Sektorübergreifende Versorgung im Entgeltsystem aus der Sicht eines Komplettanbieters

Wolfgang Rieger

Geschäftsführer Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg, Ravensburg

Sektorübergreifende Versorgung im Gemeindepsychiatrischen Verbund

Nils Greve

Vorsitzender u. leitender Arzt Psychosozialer Trägerverein e.V., Solingen

Tagungsbeiträge 2.Tag: 19. Februar 2010

Entwicklung des Entgeltsystems in der Psychiatrie aus Sicht des Gesetzgebers

Peter Weiß

MdB CDU/CSU-Fraktion des dt. Bundestages, Berlin

Kein schriftlicher Beitrag vorhanden

Die Entwicklung des Entgeltsystems – eine Betrachtung aus der Sicht der deutschen Krankenhausgesellschaft

Dr. med. Bernd Metzinger M.P.H.

Geschäftsführer Personalwesen/ Krankenhausorganisation DKG, Berlin

Die Entwicklung des Entgeltsystems in der Psychiatrie – eine Herausforderung für Kostenträger vor dem Hintergrund integrierter Versorgungskonzepte und bedürfnisangepasster Behandlung

Ludger Buitmann

Referatsleiter vdek e.V. Schleswig-Holstein, Kiel

Die Entwicklung des Entgeltsystems zwischen normativen Ansprüchen der Psychiatrie und Ist-Kosten-Kalkulation – Anmerkungen des InEK

Dr. Michael Rabenschlag

Abteilungsleiter Ökonomie InEK, Siegburg

Beitrag nicht verfügbar
Bei Rückfragen bitte an das InEK wenden

Von einem einzelnen Versorger zu einer systemischen Betrachtung der Steuerung, der Finanzierung und der Versorgungsgüte: Erfahrungen aus der Alberta, Kanada

Dr. Cathie Scott

University of Calgary, Knowledge Management, Alberta, Canada

Wirksamkeit aufsuchender ambulanter Behandlung durch das Krankenhaus und die Wirkungen auf das Entgeltsystem

Stuart Bell

Chief Executive, Mandsley Hospital London

Zum Zusammenhang von Klientenanforderungen und Versorgungskosten: Theoretische und empirische Belege

Dr. David Cawthorpe

University of Calgary, Medicine Faculty, Alberta, Canada

Auslagerung von stationären Bereichen des Krankenhauses – was bedeutet das für Qualität und Kosten in der Behandlung?

Prof. Johan Cullberg

Prof. für Psychiatrie u. klinische Supervision, Stockholm

Flexibilisierung der regionalen Versorgung und ihre Wirkungen auf das Entgeltsystem

Dr. Toni Berthel

Stellv. Ärztlicher Direktor ipw – Winterthur, Schweiz

Schlusswort

Entgeltsystem in der Psychiatrie und die Steuerung der regionalen Versorgung

Paul Bomke

Pfalzklinikum, Klingenmünster

Bildergalerie 2010

Hier sehen Sie einige Impressionen unserer Tagung

Interviews 2010
Interviews

Interview mit Prof. Dr. med. Peter Kruckenberg

„Ein sektorübergreifendes Konzept schaffen“

Interview mit Prof. Dr. med. Peter Kruckenberg, Vorstandsmitglied der „Aktion psychisch Kranke e. V.″ und Mitinitiator der Fachtagung „Psychiatrische Versorgung und neues Entgeltsystem” am 18. und 19. Februar 2010 in Berlin

Bremen/Berlin, 03. Dezember 2009 – Psychiatrische Fachleute fordern mit der Entwicklung eines neuen Entgeltsystems in der psychiatrischen Krankenhausversorgung die Einführung neuer Behandlungskonzepte. Die zukünftige Steuerung finanzieller Ressourcen soll sich nicht nur auf stationäre Leistungen beschränken, sondern die Institutsambulanz stärken und die regionalen gemeindepsychiatrischen Netze mit einbeziehen. „Wir brauchen ein sektorübergreifendes Konzept mit flexiblen Behandlungsmöglichkeiten″, so Prof. Dr. Peter Kruckenberg, Vorstandsmitglied der „Aktion psychisch Kranke e. V.”. Der Mitinitiator der Fachtagung „Psychiatrische Versorgung und neues Entgeltsystem” verweist dabei auch auf die erfolgreichen Umsetzungen in anderen Ländern, deren Experten auf der Fachtagung anschauliche Vorträge bieten werden.

Beate Bornemeier vom Forum für Gesundheitswirtschaft e. V. sprach mit Prof. Dr. med. Peter Kruckenberg, Vorstandsmitglied der „Aktion psychisch Kranke e. V.″ und Mitinitiator der Fachtagung „Psychiatrische Versorgung und neues Entgeltsystem

Interview mit Wolfgang Rieger und Paul Bomke

„Der bürokratische Aufwand muss überschaubar bleiben“

Berlin/Bremen, 10. Dezember 2009 - Ab dem 1. Januar 2010 beginnt die offizielle Datenerhebung zur Kalkulation des neuen Entgeltsystems in der psychiatrischen Krankenhausversorgung. Arbeitsprozesse sollen hierfür kategorisiert und zu unterschiedlichen Tagespauschalen zusammengefasst werden. Nach Meinung von Wolfgang Rieger, Geschäftsführer des Zentrums für Psychiatrie Südwürttemberg und Paul Bomke, Verwaltungsdirektor und stellvertretender Geschäftsführer des Pfalzklinikums in Klingenmünster lassen die ersten Veröffentlichungen
des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) schon jetzt einen unangemessen hohen Verwaltungsaufwand vermuten. Beate Bornemeier vom Forum für Gesundheitswirtschaft sprach mit den Krankenhausmanagern über ihre Forderung nach einer transparenten und unbürokratischen Leistungsdokumentation und ihre Befürchtungen, dass mit einer neuen Reform weitere Einsparungen verbunden sein könnten, die sich nicht mit dem ständig steigenden Bedarf an psychiatrischen Versorgungsleistungen vereinbaren lassen.

Interview mit Enriqueta Fobbe, Niko Stumpfögger und Michael Krömker

„Die Personalaustattung muss eine von außen vorgegebene Größe sein“

Berlin/Bremen, Januar 2010 − Zur Kalkulation eines neuen Entgeltsystems in der Psychiatrie sollen Arbeitsprozesse kategorisiert und zu unterschiedlichen Tagespauschalen zusammengefasst werden. Der benötigte Tagessatz zur Patientenbehandlung soll sich zukünftig nach dem Schweregrad der Erkrankung richten.

Nach Meinung der Gewerkschaft ver.di gehen eine gute Patientenversorgung und optimale Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten mit der Leistungsqualität der Einrichtungen einher. Sie fordert daher, dass nur Krankenhäuser an der Kalkulation des neuen Entgeltsystems teilnehmen sollen, die die gesetzlich vorgeschriebene Psychiatrie-Personalverordnung (Psych-PV) konsequent einhalten. Bei der Datenerhebung zur Entwicklung des DRGSystems für den somatischen Bereich wurden Fehler gemacht, die sich beim neuen Entgeltsystem nicht wiederholen dürfen. Die Auswahl der datenliefernden Krankenhäuser muss repräsentativ sein und die Personalausstattung durch die Psych-PV eine von außen vorgegebene Größe.

Beate Bornemeier vom Forum für Gesundheitswirtschaft e. V. sprach mit Enriqueta Fobbe, Leiterin der ver.di-Bundesfachkommission für Psychiatrische Einrichtungen, mit Niko Stumpfögger, Leiter des Bereichs Betriebs- und Branchenpolitik von der ver.di Bundesverwaltungin Berlin sowie mit dem Betriebsratsvorsitzenden des Ameos Klinikums Osnabrück
Michael Krömker über die aktuelle Situation zur Einführung eines neuen Entgeltsystems in der Psychiatrie.

Teilnehmerbericht 2010

Psychiatrische Versorgung und neues Entgeltsystem:

Interessen – Erfahrungen – Perspektiven

18. und 19. Februar 2010 in Berlin - Schöneberger Rathaus 

von Ingo Engelmann

Berliner Manifest 2010

Die Entwicklung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Krankenhausbehandlung im Gemeindepsychiatrischen Verbund

Fachtagung „Psychiatrische Versorgung und neues Entgeltsystem: Interessen – Erfahrungen – Perspektiven“
18. und 19. Februar 2010, Rathaus Schöneberg, Berlin

Vorspann

Die Teilnehmer der Tagung „Psychiatrische Versorgung und neues Entgeltsystem – Interessen – Erfahrungen – Perspektiven“ (18. und 19. Februar 2010 im Rathaus Schöneberg, Berlin) haben sich intensiv mit der Entwicklung klinischer Angebote in den Bereichen Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik und der Vernetzung mit dem gemeindepsychiatrischen Hilfesystem auf der Grundlage nationaler und in- ternationaler Erfahrungen befasst.

Sie bitten alle maßgeblichen Akteure, den Umsetzungsprozess des KHRG den Empfehlungen des „Berliner Manifests“ entsprechend auf eine breite Basis zu stellen und damit auf einen guten Weg zu bringen.

Sie haben während der Tagung eine Vielzahl von Anregungen gesammelt und fordern die Veranstalter auf, diese zusammenzustellen und auszuwerten, auf einem Workshop zeitnah zu erörtern und die Ergebnisse in die Diskussion um die Weiterentwicklung des Entgeltsystems einzubringen.

Die besonderen Bedürfnisse psychisch kranker Menschen

Nicht zufällig wird durch § 27 (1) SGB V vorgegeben, dass „den besonderen Bedürfnissen psychisch Kranker Rechnung zu tragen“ sei. Psychisch kranke Menschen tendieren dazu, notwendige Behandlung eher zu meiden als zu suchen, können angemessene Anforderungen hinsichtlich ihrer Behandlung kaum durchsetzen und sind in ihren Wahlmöglichkeiten eingeschränkt, auch wenn sie sich freiwillig in Behandlung begeben. Die Behandlung muss von den subjektiven Motivationen und Zielsetzungen des Patienten ausgehen, vorrangig auf die Förderung der vorhandenen Fähigkeiten ausgerichtet sein und den Zusammenhang zwischen Beeinträchtigungen und Lebensumständen herausarbeiten.

Vor allem bei schweren psychischen Erkrankungen muss die Behandlung einen niedrigschwelligen Zugang haben, oft aufsuchend und vor allem zeitgerecht erfolgen, das soziale Umfeld einbeziehen und auf weitestmöglichen Erhalt sozialer Aktivitäten ausgerichtet sein.

Weil die Diagnosen in der Psychiatrie wenig über den Verlauf und über die jeweils erforderliche Intensität, Dauer und die Einbeziehung der Arbeitsformen unterschiedlicher Berufsgruppen aussagen, müssen komplexe Behandlungsprogramme – anders als zumeist in der somatischen Medizin – auf die individuelle Situation abgestimmt und ständig angepasst werden.

Der persönlichen Beziehung zwischen dem Patienten und den therapeutischen Mitarbeitern kommt – empirisch vielfach gesichert – eine entscheidende Rolle für das Behandlungsergebnis zu. Dies erfordert unabdingbar die Vorhaltung einer ausreichenden Personaldichte für schützende Krisenintervention und die personale Kontinuität für lang dauernde oder intermittierende Behandlung.

Dabei ist größtmögliche Selbstbestimmung des Patienten mit konsequenter Selbsthilfeorientierung und möglichst geringem Ressourceneinsatz zu verbinden.

Die Zukunft der Angebote und Leistungen der klinischen Versorgung in den Bereichen Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Gemeindepsychiatrischen Verbund

Den besonderen Bedürfnissen psychisch Kranker ist auch durch neue Organisationsformen Rechnung zu tragen. Die Psychiatrie ist konzeptionell und mancherorts schon in der Praxis weiter als die Somatik – auf der Linie der Empfehlungen des Sachverständigenrats im Gesundheitswesen, durch regionale Steuerung und verbessertes Schnittstellenmanagement die Effizienz des Ressourceneinsatzes im Gesundheitssystem zu verbessern.

Grundlegendes Strukturkonzept ist der Gemeindepsychiatrische Verbund der Leistungserbringer mit regionaler Pflichtversorgung mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Zentrum. Vernetzt mit allen anderen Diensten wird die Klinik die Sicherheit vermittelnde und umfassend ausgestattete Einrichtung für besonders schwierige Problemlagen.

Auch wenn die Umsetzung vielerorts noch in den Anfängen steckt – es gibt eine gemeinsame Zielorientierung. Alle wesentlichen Fachverbände haben in einem Konsenspapier 2007 die Notwendigkeit der strukturellen Weiterentwicklung betont:

„Komplexe Krankenhausbehandlung findet im Krankenhaus und vom Krankenhaus aus in der Lebenswelt des Patienten statt. Die Behandlung durch das Krankenhaus ist ausgerichtet auf die Durchführung zielgruppenorientierter, personenzentrierter Komplexleistungen mit flexiblem Einsatz von individuell angepasster ambulanter, teilstationärer und vollstationärer Diagnostik und Therapie.“

Fallpauschalen seien zur Finanzierung ungeeignet.

„Durch den Ausbau mobiler, aufsuchender, kontinuierlich begleitender ambulanter Behandlung durch multiprofessionelle Teams soll insbesondere vollstationäre Behandlung verkürzt oder vermieden werden .... Grundlage für die Leistungserbringung ist die regionale Pflichtversorgung .... Die therapeutischen Netzwerke bedürfen des Ausbaus und der Differenzierung, die Übergänge zwischen stationärer, teilstationärer und ambulanter Behandlung müssen flexibler gestaltet werden.“

Dieses Entwicklungskonzept entspricht internationalen Erfahrungen und wird im Grundsatz auch von den Bundesländern (AOLG-Beschluss vom November 2009) unterstützt.

Die Fragmentierung des Leistungsgeschehens verhindert den Fortschritt – strukturelle Reformen sind unabdingbar

Der Qualitäts- und Effizienzverlust durch die Fragmentierung des Leistungsgeschehens – infolge abgegrenzter Maßnahmezuständigkeiten einer Vielzahl von Leistungsträgern und Leistungserbringern – muss überwunden werden.

Damit verbunden sind – vor allem in der Behandlung, Rehabilitation und Eingliederung von psychisch schwer erkrankten Menschen – Versorgungslücken und Unterversorgung (zeitweilig auch Überversorgung), Leistungsunterbrechungen, sowie fehlende Abstimmung bei gleichzeitiger und konsekutiver Leistungserbringung. Die Folgen sind häufige Ausgrenzung aus normalen Lebensbereichen und verstärkte Chronifizierung.

Die Fragmentierung wird durch kontraproduktive ökonomische und administrative Anreize für die Selbstverwaltung von Leistungsträgern und Leistungserbringern verstärkt. Konkurrierendes Ausreizen von Partialinteressen gegen die Patienteninteressen bis hin zur Nichtbeachtung gesetzlicher Vorschriften (Psychiatrische Pflege, Soziotherapie, medizinische Rehabilitation für psychisch Kranke, persönliche Budgets, integrierte Leistungsträger-übergreifende Rehabilitation u.a.m.) be- oder verhindern verlässliche kooperative Vernetzung.

Besonders geschädigt durch die Fehlsteuerung sind seit 1996 die Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie. Unklare rechtliche Vorgaben (Psychiatriepersonalverordnung und Bundespflegesatzverordnung) wurden von beiden Seiten der Selbstverwaltung, Krankenkassen und Krankenhäusern dazu genutzt, trotz erheblicher Leistungsverdichtung die Personalbemessung – in der Psychiatrie wichtigstes Element der Strukturqualität – immer weiter zu kürzen, derart, dass sie heute in den meisten Kliniken gegenüber 1995 um etwa 20% gemindert ist. Das ist so ungünstig wie vor Verabschiedung der Psychiatriepersonalverordnung (PsychPV) 1991, mit der damals ein Notstand behoben werden sollte.

Die Verhältnisse auf vielen Akutstationen sind heute für die Patienten therapiefeindlich – und für die Mitarbeiter unzumutbar.

Das KHRG – ein gutes Gesetz – ermöglicht eine neue Phase der Psychiatriereform

Ende 2008 hat der Gesetzgeber endlich reagiert und mit dem Krankenhausfinanzierungsreformgesetz (KHRG) eine zukunftsweisende rechtliche Grundlage geschaffen. Für sämtliche psychiatrisch-psychotherapeutisch-psychosomatischen Krankenhausleistungen soll die Selbstverwaltung von Krankenkassen und Krankenhäusern ein durchgängiges Vergütungssystem auf der Grundlage von tagesbezogenen Entgelten entwickeln. Fallpauschalen werden als ungeeignet angesehen.

Damit sind vier vorrangige Aufträge verbunden, deren enge Wechselbeziehungen bei der Bearbeitung von Beginn an zu berücksichtigen sind:

  1. Die sofort einzuleitende Wiederherstellung der Personalbesetzung nach den Vorgaben der PsychPV
    • zur Gewährleistung halbwegs angemessener Arbeitsbedingungen. (In der Gesetzesbegründung unmissverständlich: Der Personalanspruch bleibe „unverändert auf 100 % ausgerichtet“)
  2. Ausgehend von den Behandlungsbereichen der PsychPV die Ermittlung von Tagespauschalen
    • zur Sicherstellung des Leistungsanspruchs insbesondere für schwer kranke und gefährdete Patienten
  3. Die Prüfung sektorübergreifender Finanzierungsformen
    • zur Entwicklung von Anreizen, die Qualität und Wirtschaftlichkeit, vor allen Nachhaltigkeit fördern sollen, z.B. Einbeziehung der Institutsambulanz und längerfristiger Pauschalierungen bei Patienten mit wiederholtem bzw. lang dauerndem Leistungsbedarf
  4. Die Implementierung einer Begleitforschung „zu den Auswirkungen des neuen Vergütungssystems, insbesondere zur Veränderung der Versorgungsstrukturen und zur Qualität der Versorgung“
    • damit Maßstäbe für Qualität und Wirtschaftlichkeit von Beginn an festgelegt, die Interessen der Patienten und Versicherten geschützt und die Effizienz im Prozess der Umsetzung ständig auf der regionalen Ebene weiterentwickelt und auf Landes- und Bundesebene ausgewertet werden können.

Ein Fehlstart ist besser als ein spätes Versagen

Der Start in die Umsetzung durch die Selbstverwaltung orientierte sich an dem Verfahren für die somatischen DRG-G und wurde den gesetzlichen Vorgaben für das psychiatrische Entgeltsystem in keiner Weise gerecht:

  • die vorgeschriebene Anpassung der Personalausstattung auf 100% PsychPV wurde in den meisten Regionen ignoriert
  • anstelle einfacher, durch begrenzte Erhebungen zu ergänzender Berechnungen für die Ermittlung der Tagesentgelte wurde ein nicht validiertes und zur Messung des Leistungsaufwands insbesondere für die schwerer Kranken sichtlich ungeeignetes, arbeitsaufwendiges Kodierinstrument generell eingeführt
  • zu den für die Systemsteuerung vorrangigen sektorübergreifenden Finanzierungsformen wurden keine Erprobungsaufträge erteilt
  • eine Konzeption für die Begleitforschung ist nicht bekannt

Der Auftrag des KHRG zielt eben nicht nur auf die Neuverteilung der Leistungsentgelte ab, sondern darüber hinaus auf die Wiederherstellung angemessener Behandlungsbedingungen und zugleich auf die sektorübergreifende Weiterentwicklung der Krankenhausbehandlung im regionalen Netzwerk des Gemeindepsychiatrischen Verbunds, dessen Qualität und Wirtschaftlichkeit kontinuierlich evaluiert und verbessert werden soll.

Komplexe Systeme brauchen ein darauf ausgerichtetes Projektmanagement unter angemessener Beteiligung aller wesentlichen Akteure – in der psychiatrisch- psychotherapeutischen Versorgung vor allem der Nutzer, aber auch der Versorgungsforschung – und die Expertise von Systemsteuerung. Dieses gilt es zu entwickeln.

Fazit

Die Teilnehmer der Tagung „Psychiatrische Versorgung und neues Entgeltsystem – Interessen – Erfahrungen – Perspektiven“ empfehlen dem BMG und der Selbstverwaltung die Bildung einer interessenbalancierten Kommission aus ausgewählten Experten – der Nutzer, der Leistungserbringer, der Leistungsträger, der Wissenschaft und der Politik.

Diese Kommission soll für die Umsetzung des KHRG:

  • Zusammenhängende Lösungsvorschläge für alle vier Aufgabenbereiche erarbeiten und der öffentlichen Beurteilung, z.B. in Anhörungen, zugänglich machen.
  • Konkrete Empfehlungen für die Weiterentwicklung vorlegen und die Selbstverwaltung und das InEK bei der Umsetzung beraten.

Die damit wahrscheinlich verbundene Streckung des Zeitablaufs bis zur Einführung des neuen Entgeltsystems ist unbedeutend und fachlich wie wirtschaftlich sinnvoll.

Die mit dem KHRG eröffneten Chancen müssen genutzt werden.